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Oh je, ich habe diesen Blog hier echt schwer vernachlässigt, ich bitte allerdings um Verständnis, das es in nächster Zeit nicht viel zu hören und zu sehen  gibt, da ich mitten in der Arbeit für meinen Magister stecke – einige Sachen sind noch in der Pipeline und die gibts auch, aber dabei handelt es sich meistens um vorbereitete Posts.

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Wie dem auch sei: auf Empfehlung hin, wurde ich auf Archipelago aufmerksam gemacht. Das Problem ist, ich muss auch einen Verweis auf den grandiosen Debütfilm Unrelated machen – der demnächst auch besprochen wird. Beide Filme funktionierne fast wie Spiegelbilder

Der Film umreißt mit tiefsinnigen und stürmischen Bildern die tiefen Risse, die sich in einer auf den ersten Blick perfekt erscheinenden Familie während eines gemeinsamen Urlaubs zeigen.

Hogg befasst sich mit den feingliedrigen Dynamiken in britischen Familien. Ihre beiden bisher erschienenen Langfilme zeigen einen Familienurlaub, in dem sich die divergierenden Sensibilitäten der einzelnen Akteuere so lange aneinander reiben, bis sie schließlich Funken schlagen. Trotz des identischen Motivs entfalten sie eine sehr unterschiedliche atmosphärische Wirkung: Während in Unrelated ein umfangreicher, munterer Clan seine Ferien in der sonnigen Toskana verbringt, legt Archipelago den Fokus weit konzentrierter auf den angeknacksten Kern einer brüchigen Familie. Nur Mutter, Tochter und Sohn erscheinen zu diesem letzten gemeinsamen Ausflug – die Abwesenheit gleichzeitige Anwesenheit des Vaters ist ständig spürbar und legt sich drückend über drei Charaktere. Die wiederum scheitern im verkrampften Versuch, ein Gefühl der Gemeinsamkeit heraufzubeschwören, das vielleicht irgendwann einmal da gewesen ist. Archipelago zeigt eine Familie, die sich nicht im Urlaub befindet, sondern im Prozess eines langen Abschieds.

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Schon die schroffe Landschaft der britischen Scilly-Inseln bei durchwachsenem Wetter entzieht den Bildern alle Wärme. Nicht umsonst beginnt der Film nicht mit einer Aufnahme der Landschaft, sondern der eines gerade entstehenden Gemäldes, das die Wirklichkeit durch die Augen des Künstlers abbildet. Der Landschaftsmaler, der Mutter und Tochter Unterricht gibt, beschreibt die Farben der Insel, doch wir sehen sie nur auf der Leinwand, weil  der typisch britische Nebel den Blick versperrt. Wir sehen die Insel durch die Augen der Familie, und alles wirkt daher ziemlich trist.

Edward  ist im Begriff, seine Arbeit für einen elfmonatigen Trip nach Afrika aufzugeben, wo er ehrenamtlich helfen will, die Verbreitung von Aids durch Aufklärung über safe sex einzudämmen. Seine Mutter und seine Schwester organisieren den Familienurlaub als Verabschiedung des in einer Krise befindlichen Edward, der eigentlich gar nicht weiß, was er mit seinem Leben anfangen möchte.

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Weil es ein reiner Familienurlaub sein soll, wurde es Edward untersagt, seine Freundin mitzubringen, obwohl auch Fremde in diesem Urlaub auftauchen, ein lokaler Künstler und die engagierte Köchin Rose, die Edward zu verführen versucht.

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Von Beginn an hat man das Gefühl, dass eine Vergangenheit auf diesen Figuren lastet, die sich langsam und bruchstückhaft erahnen lässt. Sie manifestiert sich in dem Ferienhaus, das die Familie schon früher angemietet hatte, obwohl  keiner von ihnen sich hier allzu wohl zu fühlen scheint. Drinnen sind die Farben noch trister und die Figuren bewegen sich steif in den vorgeblich vertrauten Räumen. Vor allem Edward, der „kleine“ Bruder, will so gar nicht mehr in diese Familienwelt passen.

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Mehr als in jedem anderen Film wird hier mit Tom Hiddlestons Größe gespielt – ständig muss er gebeugt laufen, um sich in seinem verwinkelten Dachzimmer nicht den Kopf zu stoßen, und wird von den Schrägen in die Ecke gedrängt. Er wirkt wie ein Riese der versehentlich ins falsche Haus geraten ist.

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Archipelago ist kein einfacher Film.  Die Kamera bewegt sich kaum, was für die meisten Zuseher sehr ungewohnt sein dürfte, er hat nicht sonderlich viele Großaufnahmen der Gesichter, keine sanfte Hintergrundmusik. Das meiste spielt sich unterschwellig ab, vieles wird nicht ausgesprochen, sondern manifestiert sich in den Gesichtern und Stimmen der Protagonisten, die sich als Snobs entpuppen.

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Als Zuschauer fühlt man sich fast als Eindringling, ist teils peinlich berührt, teils hilflos. Keine Musik lenkt ab, allein die Geräusche der Gegend sind zu hören.

Hogg inszeniert das Haus als Akteur des Films und lässt die Räume für die Figuren sprechen, die einander nicht viel zu sagen haben. Die Motive der Einzelnen und ihre emotionalen Krisenmomente erschaffen eine Atmosphäre von Widerwillen und Unsicherheit. Diese Menschen, die hier aufeinander treffen, kennen einander nicht wirklich und versuchen es auch nicht. In Augenblicken voller Intimität wird deutlich, dass sie weder den Willen noch die Absicht haben, dem anderen tatsächlich nahe zu sein.

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Auch Edward ist nicht der Gutmensch, als der er gern gesehen werden möchte, er ist ebenso oberflächlich und selbstbezogen wie seine Mutter und Schwester, und dennoch ist man als Zuschauer bis zu einem gewissen Grad auf seiner Seite, versteht seinen Standpunkt und seine Unsicherheit.

Archipelago ist ein Film, für den man sich Zeit nehmen muss, der Konzentration erfordert, weil er dem Zuschauer nicht das liefert, was er üblicherweise gewohnt ist. Man muß sich  auf die Spur dieser Charaktere begeben, die es einem nicht leicht machen, sie zu mögen. Es gibt keine Sympathieträger. Ich denke aber, wer sich darauf einlassen möchte, wird einen schönen Filmabend genießen.

Zwar verharrt die Kamera auch schon in „Unrelated“ meist auf einem Platz, doch hier wird auch die Bewegung im Bild selbst stark reduziert. Die leichtfüßigen Ausflüge durch die toskanische Landschaft kontrastieren den beschwerlichen Kraxeleien auf den Bergen der britischen Insel, die die Geschwister in einer Mischung aus Spiel und Konkurrenzkampf bewältigen.  Dort wuseln Cousins und Cousinen durch den weitläufigen  Garten, hier sitzt die Kleinfamilie starr auf ihren Sesseln und schaut ihrer Konversation beim Dahinsiechen zu.

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Auf ganz unterschiedliche Weisen zeigen die beiden „Spiegelfilme“, was es heißen kann, Familie zu sein. Gerade dafür sind auch die außenstehenden Figuren besonders wichtig, die psoitiv, wie negativ als Störfaktoren fungieren. Dennoch streift Archipelago auch die wenigen ornamentalen Qualitäten seines Vorgängers radikal ab und bricht das Thema Familie auf seinen Kern herunter.

Alltagsszenen filmisch umgesetzt unverblümt, ehrlich, direkt und mit vielen Momenten, die dem Zuschauer einen „Das kenn ich gut von meinen Familientreffen“ Gedanken entlockt.

Gerade dadadurch wirkten jene Momente auf mich besonders intensiv. Selten habe ich mich mit einer Figur so identifizieren können wie mit Edward, der im Restaurant vom Tisch aufstehen muss, weil er die Spannung nicht mehr aushält, nur um wenige Szenen später ebenso intensiv mit Cynthia zu fühlen, die über ihrem eigenen Verhalten und der Reaktion ihres Bruders verzweifelt. Selten habe ich es erlebt, dass zwei so unterschiedliche, widerstreitende Figuren in mir in gleichem Maße eine solch intensive Anteilnahme auslösen können.

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Nicht nur deshalb ist „Archipelago“ für mich eine äußerst intime Angelegenheit. Um diesen Film richtig zu sehen, muss der Zuschauer mindestens ebenso leise und aufmerksam sein wie die Kamera, die uns einen flüchtigen, offenen Einblick in das Leben dieser Figuren bietet – Figuren, die dank  der Inszenierung so lebensnah scheinen, dass man es manchmal kaum aushalten kann.

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