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Susannah Cahalan ist jung, attraktiv, frisch verliebt, eine aufstrebende Journalistin – und gerät über Nacht in den schlimmsten Albtraum ihres Lebens. Innerhalb kürzester Zeit erkrankt sie schwer, leidet an Wahnvorstellungen und wird binnen weniger Wochen zum Schwerstpflegefall in der Psychiatrie. Vollgepumpt mit Medikamenten wird sie ans Bett gefesselt und vegetiert vor sich hin – dem Tod näher als dem Leben. Doch ihre Familie gibt nicht auf bis endlich der renommierte Neurologe Souhel Najjar hinzugezogen wird. Er findet heraus, dass Susannah an einer erst vor kurzem entdeckten Autoimmunerkrankung leidet, in deren Verlauf der Körper das eigene Gehirn angreift und Symptome wie Schizophrenie, Autismus und Wahnvorstellungen erzeugt. Einmal richtig diagnostiziert, sorgen die geeigneten Medikamente rasch und dauerhaft für Genesung und Susannah gewinnt ihr Leben zurück.

Ihre Schilderung des Leidensweges ist eine bewegende und aufregende Geschichte über Familie, Liebe, Hoffnung und darüber, wie sich ein perfektes Leben innerhalb kürzester Zeit in eine Katastrophe verwandeln kann. Ein fesselndes Buch, das man nicht aus der Hand legen kann, bis die letzte Seite verschlungen ist.

-Klappentext, Deutsche Ausgabe

Das Buch, vor dem ich ein wenig Scheu gehabt habe, bei meiner „Raus aus der Kuschelzone“-Lektüre. Die Autorin erkrankt an Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis, einer Autoimmunkrankheit, bei der das Autoimmunsystem sich gegen das Gehirn wendet und es schwer entzündet. Die Symptome beginnen mit Grippesymptomen wie Kopfschmerzen, Übelkeit etc. Innerhalb kürzester Zeit aber zur Paranoia, Schizophrenie, Schlaflosigkeit und weiteres. Trotz mehrerer Arztbesuche landet Susannah Cahalan mit Medikamenten vollgepumpt im Krankenhaus und vegetiert einen Monat mehr tot als Lebendig vor sich hin.

Bis einer der behandelnden Ärzte syrischen Arzt Dr. Souhel Najjar zu Rate zieht. Eine Lumbalpunktion hatte im Gehirn eine extrem hohe Zahl von weißen Blutkörperchen ergeben. Das deutet auf eine Infektion hin und steht zu einer Einweisung in die Psychiatrie in krassem Widerspruch. Najjir stimmt den Theorien einer Geisteskrankheit nicht zu und fordert eine zweite Lumbalpunktion. Sie ergibt eine weitere Erhöhung der Leukozytenzahl in der Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit. Die darauffolgende Gehirn-Biopsie bringt Klarheit: Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis, eine Erkrankung, die 2005 das erste Mal beschrieben und 2007 genauer  in Ursache und Wirkung definiert wurde.

Die Autorin beschreibt in ihrem Buch den gesamten Krankheitsverlauf, der mit ziemlicher Sicherheit zu ihrem Tod geführt hätte, wären ihre Eltern nicht so hartnäckig gewesen und hätte nicht Dr. Najjar ihre Behandlung übernommen. Er schätzt, dass noch 2009 90 Prozent dieser Krankheitsfälle falsch diagnostiziert wurden.

Wenn diese Krankheit jedoch früh genug erkannt wird, bestehen erhebliche Heilungschancen. Die Behandlung kostete eine Million Dollar. Und das verdeutlicht die ganze Problematik, die damit verbunden ist. Nicht nur, dass Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis unter Neurologen kaum bekannt ist – auch ihre Diagnose ist extrem kompliziert und teuer, und die Heilung erweist sich als langwierig und schwer abschätzbar. Die Patienten leiden oft unter erheblichen Gedächtnisverlusten und Persönlichkeitsveränderungen. Die Erkrankung von Susannah Cahalan führt dem Leser vor Augen, dass Geisteserkrankungen wie Schizophrenie und bipolare Störungen organische Ursachen haben. Offenbar ist nicht nur unsere Erinnerung, sondern auch unsere Persönlichkeit chemisch kodiert. Für medizinbegeisterte und wissenschaftlich Interessierte, ist das nichts Neues, aber für Leser, die im Gebiet der Neurologie selten bis gar nichts zu tun haben, ist Cahalans Bericht schon wegen der Sachinfos lesenswert und interessant.

Es grenzt, wenn man das Buch liest, an ein Wunder, dass man die Krankheit erkannt wurde, sondern auch, dass es dieses Buch gibt. Die Autorin musste die „leeren Monate“  aus den Krankenakten, den Videoaufzeichungen und den Berichten ihres Partners und ihrer Eltern rekonstruieren, da sie nach eigener Aussage wenig bis gar keine Erinnerung daran hat.  Für Betroffene jedoch muss dieser Text eine Hoffnung sein. Jedenfalls hatte der dem Buch vorangegangene Artikel in der New York Post genau diese Wirkung, dass Familien Ärzte auf eine Überprüfung von Angehörigen drängten und es zu neuen Diagnosen kam.

Besonders ergreifend fand ich vor allem mit Voranschreiten der Behandlung, den Weg der Genesung und das Zurückfinden ins Leben. Vor allem die Schilderung der Zeit nach der Entlassung aus dem Krankenhaus wird für Tränen in den Augen sorgen. Während sie sich größtenteils wieder genesen fühlt, ist sie für ihre Mitmenschen immer noch von der schweren Krankheit gezeichnet und hat zunächst mehr von einem Zombie als von der alten Susannah. Der Besuch einer Hochzeit kurz nach Behandlungsbeginn, und den ersten unbeholfenen Tanzversuchen, der Anfall in einem Nagelstudio und der Besuch in einem Restaurant mit ihrem Partner, ihrem Vater und dessen zweiter Ehefrau, sind dafür einige sehr eindringliche Beispiele, dass der Weg ein sehr langer ist und es auch eines stabilen familiären Umfeldes bedarf, dass Chancen auf eine Genesung bestehen können.

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