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Charity Royall, ein einfaches, aber eigenwilliges Mädchen, lebt zusammen mit ihrem Vormund in dem entlegenen Dorf North Dormer in Neuengland. Sie ist die Tochter einer Ausgestoßenen, mit einer gesetzlosen, verwilderten Sippe „auf dem Berg“ haust. Obwohl Charity nicht die geringste Ahnung von Büchern hat, arbeitet sie in der Bibliothek des Dorfes. Bis auf einen Ausflug in eine benachbarte Kleinstadt Nettleton waren die Grenzen von Charitys Welt mit denen von North Dormer identisch. Als jedoch eines Tages der junge Architekt Lucius Harney auftaucht, eröffnet sich für Charity ein gänzlich unbekanntes Universum. sie verliebt sich in ihn, aber obgleich er ihre Gefühle erwidert, lassen gesellschaftliche Konventionen ihrer Liebe keine Chance. Die Heirat mit ihrem Pflegevater, einem düsteren Anwalt, vermag sie zwar vor dem Schicksal ihrer Mutter zu retten, nicht aber vor der Einsamkeit eines Herzens.

Der Roman nennt sich im Untertitel „Eine Liebesgeschichte“, ist aber ein stückweit auch so etwas wie eine Milieustudie über das Leben in der Provinz. North Dormer ist irgendwo in im Nirgendwo von Neu-England und in dem, beim lesen, nur alte Menschen und Provinzler leben. Charity hat weder das Dorf wirklich verlassen können noch eine wirkliche Schulbildung vorzuweisen,  arbeitet 3 Stunden am Tag in der örtlichen Bücherei und träumt irgendwann in die große Welt hinaus zu können. Sie lebt bei ihrem Vormund Mr. Royall, dem örtlichen Juristen. Er hat Charity vor Jahren vom „Berg“ heruntergeholt, auf dem eine Gruppe Menschen lebt, die von der Dorfgemeinschaft als asozial und ungebildet charakterisiert werden. In diesem Sommer lernt Charity den jungen Architekten Lucius Harney kennen, der sich vorübergehend bei seiner Tante in North Dormer aufhält, um eine Reihe alter Gebäude zu skizzieren. Zwischen den beiden kommt es zu einer zaghaft beginnenden Liebesgeschichte, von der Charity am Ende  nur eine Schwangerschaft und leere Phrasen bleiben.
Es bleibt ein wenig in der Schwebe: hat der junge Mann, der offenbar schon einer anderen versprochen war, lediglich einen Zeitvertreib für seinen Aufenthalt gesucht, haben die gesellschaftlichen Verhältnisse die Beziehung verhindert oder hat Mr. Royall die Affäre zu einem vorzeitigen Ende gebracht? Charity hat das Gefühl, nicht mehr mit Royall unter einem Dach oder in North Dormer leben zu können und macht sich auf den Weg zurück auf den „Berg“, wo sie  hinzugehören meint.
Im Verzicht auf eindeutige Urteile, die die Bewertung des Handelns der Protagonisten oft den Lesenden überlässt, sehe ich eine der Stärken der Geschichte. So verbietet sich  eine eindeutige Bewertung der Hauptpersonen, vor allem von Charity und Mr. Royall: ist sie das Mädchen aus der Provinz,  ihre Handlungen moralisch einwandfrei, während er der Lüstling und selbstsüchtige Intrigant ist? Es gibt kein Schwarz-Weiß-Bild, sondern zarte Zwischentöne, nicht zuletzt den Schatten, den die Kleinbürgermentalität des Provinznestes auf die Figuren wirft.

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